Warum erzählst du mir das?

Warum erzählst du mir das?

Seit Jahren beschäftigt mich eine Frage.

Bevor ich sie stelle, möchte ich ein bisschen was klarstellen.

Niemand muss sich wegen dieses Textes schuldig fühlen.

Nicht der trockene Alkoholiker.

Nicht der nasse Alkoholiker.

Nicht der Mensch mit problematischem Alkoholkonsum.

Nicht der Partysäufer.

Nicht der Gelegenheits- oder Wenigtrinker.

Nicht der Abstinenzler.

Wenn ich sage: „Ich bin trockener Alkoholiker.“, dann sage ich nichts über dich.

Ich sage nicht, dass du zu viel trinkst.

Ich sage nicht, dass du abstinent leben solltest.

Ich sage nur etwas über mich: "Ich habe eine Alkoholsucht. Deshalb lebe ich abstinent."

Die einzige Information, die für dich unmittelbar relevant ist, lautet eigentlich nur: „Bitte biete mir keinen Alkohol an.“

Ich verspreche übrigens: Ich werde keine Antwort auf meine Frage verurteilen. Ich möchte die Antworten verstehen.

Damit allerdings kein Missverständnis entsteht: Es gibt Menschen, an die sich meine Frage ausdrücklich NICHT richtet:

Wenn du Angst hast, dass dein Alkoholkonsum problematisch geworden sein könnte, dann erzähl, was du erzählen möchtest. Frag, was du fragen möchtest.

Ob bei mir oder bei irgendeinem anderen trockenen Alkoholiker.

Nicht, weil wir automatisch die richtigen Antworten hätten.

Sondern weil das Aussprechen dieser Sorge vor einem anderen Menschen manchmal wichtiger ist als jede Antwort, die du darauf bekommst.

Meine Frage richtet sich an alle anderen:

Wenn ich erzähle, dass ich trockener Alkoholiker bin, höre ich erstaunlich oft Sätze wie:

„Ich trinke ja nur drei- oder viermal im Jahr.“

„Ich trinke höchstens mal ein Bier.“

„Alle paar Wochen mal ein Glas Wein.“

„Ich trinke eigentlich fast nie.“

Und jedes Mal frage ich mich:

Warum erzählt ihr mir das?

Ich meine das wirklich als Frage.

Ich suche keine Bestätigung.

Ich suche keine Diskussion darüber, ob Alkohol gut oder schlecht ist.

Ich möchte einfach verstehen, warum so viele Menschen auf meinen Satz „Ich bin trockener Alkoholiker.“ mit einer Beschreibung ihres eigenen Alkoholkonsums reagieren.

Falls du das selbst schon einmal gemacht hast:

Warum?

6 points · 2 comments · view on lemmy.world

2 Comments

kaida@feddit.org · 2 pts · 42d (1 reply)

„Ich trinke ja nur drei- oder viermal im Jahr.“
„Ich trinke höchstens mal ein Bier.“
„Alle paar Wochen mal ein Glas Wein.“
„Ich trinke eigentlich fast nie.“

Wie du ja in Teil 2 geschrieben hast, könnte es zum Relaten sein („du und ich sind nicht so verschieden“). Dazu neige ich grundsätzlich auch. Ein bisschen klingt es für mich aber auch nach „bitte segne meinen Alkoholkonsum ab, denn ich schaffe Abstinenz nicht“.

Jemand_DrachenSchaf@feddit.org · 2 pts · 42d

Kann sein. Falls das bei manchen der Gedanke ist, bekommen sie diese Absolution von mir allerdings nicht.

Egal, ob ich einen Konsum für unbedenklich oder problematisch halte: Von mir aus sage ich dazu gar nichts. Und selbst wenn ich ausdrücklich gefragt werde, antworte ich im Grunde immer dasselbe:

Ob bereits eine körperliche Abhängigkeit besteht, sollte ein Arzt beurteilen. Wenn du Angst hast, körperlich abhängig zu sein, solltest du niemals auf eigene Faust kalt entziehen.

Wenn deine Sorge eher eine psychische Abhängigkeit ist, beobachte dich einmal selbst: Kannst du den Stoff in Situationen weglassen, in denen du ihn normalerweise konsumierst?

Seriöse Mengenangaben, ab denen man pauschal sagen könnte “ab hier bist du süchtig”, gibt es meines Wissens nach nicht.