Für mich ist einer der gefährlichsten Sätze, die ein Mensch über sich selbst sagen kann:
„Ich bin ein guter Mensch.“
Warum? Weil dieser Satz oft das Ende des Nachdenkens markiert, statt seinen Anfang. Ich frage mich dann immer, was dieser Satz für diese Person eigentlich bedeutet und wenn möglich versuche ich das dann herauszufinden. Die Antworten die ich im Laufe meines Lebens bekam, führten schließlich zu diesem Text. Aber erst mal der Reihe nach...
Ich glaube nämlich nicht, dass jeder Mensch das Ziel haben muss, gut zu sein. Vielleicht möchte jemand ein großer Künstler, eine kluge Wissenschaftlerin, oder ein religiöser Einsiedler sein, oder einfach ein ruhiges Leben führen. Alles legitime Lebensziele für die man nicht zwingend ein guter Mensch sein muss. Warum also ausgerechnet gut? Seit Jahrtausenden beschäftigen sich Religionen, Philosophen, Psychologen und gewöhnliche Menschen mit der Frage wie man ein guter Mensch ist. Wer glaubt, "gut sein" wie Hardware installiert zu haben, der unterschätzt die Sache womöglich ein wenig. Für mich ist es ein Ziel, ein Weg, hoffentlich eine Progression, vielleicht nie in Gänze erreichbar, aber vor allem etwas was sich immer wieder Prüfungen stellen können muss.
Wenn ich nun den Vorsatz verkünde gut sein zu wollen, dann ist damit erst mal noch kein Vorschritt auf der "Gut-sein-Skala" erreicht, meiner Meinung nach. Erst mit prüfenden Fragen beginnt es für mich: Nach welchen Prinzipien lebe ich eigentlich? Sind sie gerecht? Für mich, für mein Umfeld, für alle Menschen auf die ich treffe, für alle auf die ich Auswirkungen habe? Halte ich meine Prinzipien in der Regel ein? Wenn nein, warum nicht? Ich kann hervorragende Prinzipien besitzen und trotzdem ständig gegen sie verstoßen. Ich kann aber auch meinen Prinzipien perfekt folgen und feststellen, dass genau diese Prinzipien ungerecht sind. Beides sollte man meiner Ansicht nach immer wieder überprüfen. Nicht einmal, sondern immer mal wieder, ein Leben lang.
Ich glaube nicht, dass Gutsein im Kopf stattfindet. Es findet zwischen Menschen statt. Man kann über Ethik und Moral in wunderbarsten Worten nachdenken können. Davon wird kein einziger Mensch besser behandelt. Gutsein beginnt erst dort, wo Menschen im Miteinander gut zueinander sind.
Deshalb frage ich Menschen, die sich als gut erklären immer Sachen die mir beantworten wie sehr sie sich für andere Menschen interessieren. Interessiert sie, warum Leute denken, wie sie denken? Warum sie wütend werden? Warum sie lachen? Warum sie Angst haben? Warum sie dieselbe Welt völlig anders erleben als man selbst? Denn wenn all das überhaupt nicht interessiert, frage ich mich, wie erreicht werden soll, dass man gut zu anderen ist.
Meine Prinzipien ändern sich übrigens selten. Ich suche mir Menschen, deren Werte mit meinen grundsätzlich vereinbar sind. Nicht identisch. Aber kompatibel. Ich möchte die Prinzipien von anderen verstehen um ihnen zumindest nicht zu schaden und im besten Fall gut zu tun. Vielleicht liegt genau hier ein Missverständnis. Viele glauben anscheinend, Gutsein bedeute, immer nachzugeben. Das glaube ich nicht. Manchmal bedeutet Gutsein, bei den eigenen Überzeugungen zu bleiben. Manchmal bedeutet es sogar, einem anderen entschieden zu widersprechen. Aber auch dann interessiert mich noch immer, warum der andere so denkt. Nicht weil ich überzeugt werden möchte. Sondern weil ich ihn verstehen möchte, weil jeder Mensch ein Mensch ist mit dem Recht auf die eigene moralische Einstellung.
Mit der Zeit ist mir noch etwas aufgefallen. Es gibt Menschen, die versuchen, gut zu sein. Sie zweifeln. Sie prüfen sich. Sie scheitern. Sie lernen. Und sie beginnen wieder von vorn. Mit denen kann ich stundenlang reden. Dann gibt es Menschen, die dieses Ziel gar nicht verfolgen. Auch das kann in Ordnung sein. Und dann gibt es Menschen, die einfach ohne Erklärung oder Überbau behaupten: „Ich bin gut.“ Oft ist das harmlos, auch wenn das selten Leute sind, die ich mir als Freunde suche. Manchmal wird daraus aber etwas anderes. Dann wird aus dem Satz „Ich bin gut.“ plötzlich „...also sind die anderen schlecht.“ Genau dort werde ich unruhig. Denn in diesem Moment hört die Selbstprüfung auf. Ab jetzt werden nur noch die anderen geprüft.
Mich faszinieren Menschen. Nicht weil sie perfekt wären. Sondern weil jeder Mensch eine Welt ist. Eine Sammlung von Hoffnungen, Ängsten, Irrtümern und Erfahrungen. Ich werde niemals auch nur einen Menschen wirklich verstehen. Nicht einmal die Menschen, die ich liebe. Ob man ein guter Mensch ist, ist vielleicht nicht die wichtige Frage, sondern:
War ich meinen Mitmenschen gegenüber heute fairer als gestern?
Und vielleicht ist das alles, was man vernünftigerweise hoffen darf.
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