Vor einigen Tagen habe ich einen Text auf vielen Plattformen veröffentlicht, in dem ich eine Frage stelle, die mich seit Jahren umtreibt:
Warum erzählen mir so viele Menschen nach dem Satz “Ich bin trockener Alkoholiker.” ihren eigenen Alkoholkonsum?
Den ersten Text (auf feddit) verlinke ich hier: https://feddit.org/post/32247996
Erst einmal danke für die Antworten. Auch wenn über alle Plattformen verteilt erstaunlich wenige Menschen geschrieben haben: “Ja, das mache ich selbst und deshalb.”, wurden in den Kommentaren verschiedene mögliche Motive genannt oder vermutet.
Im Wesentlichen lassen sie sich in drei Gruppen einteilen.
1. Selbstbezogene Motive
Einige vermuteten, dass Menschen sich rechtfertigen möchten. Vielleicht geht es um kognitive Dissonanz. Vielleicht um ein schlechtes Gewissen. Vielleicht darum, das eigene Selbstbild zu stabilisieren.
Falls so etwas tatsächlich der Grund sein sollte, möchte ich euch sagen:
Vor mir braucht ihr euch nicht zu rechtfertigen.
Mit dem Satz „Ich bin trockener Alkoholiker.“ sage ich gar nichts über euch. Wenn wir uns gar nicht kennen, interessiert mich euer Alkoholkonsum ehrlich gesagt überhaupt nicht. Und wenn wir uns kennen, schätze ich euch als selbstständige Menschen zu sehr, um ungefragt über euren Alkoholkonsum zu urteilen.
Mit meinem Satz wollte ich eigentlich nur sagen:
„Ich bin trockener Alkoholiker.“ und ohne es auszusprechen vor allem: Bitte biete mir keinen Alkohol an.
2. Beziehungsbezogene Motive
Andere vermuteten, dass Menschen Gemeinsamkeit herstellen oder Mitgefühl ausdrücken möchten. Das finde ich einen interessanten Gedanken.
Tatsächlich ist mir durch die Kommentare aufgefallen, dass ich selbst etwas Ähnliches schon gemacht habe. Wenn mir jemand erzählt, dass er Vegetarier oder Veganer ist, neige ich manchmal dazu zu sagen, dass ich selbst nur wenig Fleisch esse. Teilweise vielleicht, weil ich mich rechtfertigen möchte. Aber hauptsächlich, weil ich sympathisch wirken und zeigen möchte:
“Wir sind uns vielleicht gar nicht so unähnlich.”
Ich bin also selbst ein Beweis, dass so etwas vorkommen kann. Trotzdem glaube ich, dass sich diese Ziele viel klarer ausdrücken lassen. Wenn ihr Mitgefühl ausdrücken möchtet:
“Hut ab. Das stelle ich mir schwer vor.”
“Wie lange bist du schon trocken?”
“Wie schaffst du das im Alltag?”
Wenn ihr Gemeinsamkeit ausdrücken möchtet:
“Ich freue mich immer, wenn noch jemand nüchtern auf einer Party bleibt.”
Oder wenn ihr eher Richtung Flirting/Kontaktaufbau möchtet:
“Mit mir kannst du problemlos etwas ohne Alkohol unternehmen.”
Oder ganz einfach:
“Ich werde dir keinen Alkohol anbieten.”
3. Situationsbezogene Motive
Vielleicht wissen manche Menschen auch einfach nicht, was sie sagen sollen. Das ist völlig in Ordnung. Dann sagt etwas Banales:
“Werde ich mir merken.”
“Danke, dass du mir das gesagt hast.”
“Okay, ich werde dir keinen Alkohol anbieten.”
Mehr braucht es gar nicht in der Situation.
Warum mich das überhaupt beschäftigt
Mir war vorher durch eine sehr ehrliche Antwort eines vertrauten Menschen schon klar, dass diese Aussage, nicht immer nur rechtfertigend oder abwertend gemeint ist. Aber bei mir kommt häufig etwas ganz anderes an.
Wenn ich sage:
“Ich bin trockener Alkoholiker.”
und als erste Reaktion höre:
“Ich trinke übrigens nur zwei Bier in der Woche.”
Dann hört sich das an als würde der andere zu mir sagen:
“Du bist an etwas gescheitert, was für mich gar kein Problem ist.”
Ich glaube nicht mehr, dass das in den meisten Fällen so gemeint ist.
Gerade wenn ihr das nicht so meint, hilft dieser Gedanke dem einen oder der anderen, beim nächsten Mal einen kurzen Moment innezuhalten. Nicht, um nichts mehr zu sagen. Sondern um sich zu fragen:
“Was möchte ich eigentlich gerade ausdrücken?”
Denn Mitgefühl, Interesse, Gemeinsamkeit oder Rücksicht lassen sich oft viel klarer ausdrücken, ohne den eigenen Alkoholkonsum überhaupt erwähnen zu müssen.
Und falls ihr euch fragt, welche Antwort mich persönlich am meisten freuen würde:
“Danke, dass du so offen bist. Ich werde dir keinen Alkohol anbieten.”
Wenn mehr Menschen auf Outings von trockenen Alkoholikern so reagieren würden, hätte meine kleine Selbstoffenbarung genau das erreicht, wofür sie gedacht war.
…
P.S.: Im ersten Text hatte ich es erwähnt, aber weil es wichtig ist, hier noch mal… wenn ihr selbst Angst habt problematisch zu trinken und das Gefühl habt mit dem Menschen vor euch reden zu können… dann redet drauf los, fragt drauf los, ob der andere nun Gold oder Müll antwortet ist zweitrangig. Entscheidend ist, es überhaupt einmal vor einem anderen Menschen laut auszusprechen.
4 Comments
You@feddit.org · 2 pts · 70d
Ich hab gerade eben beide Texte gelesen und hatte nach dem ersten auch die spontane Assoziation mit den Vegetariern/Veganer, bei denen oft drei Versionen auftauchen: ich könnte das ja nicht / ich esse auch nur wenig und dies und das nicht / Du ißt meinem Essen das Essen weg, höhöhö.
Es sind wahrscheinlich diese "Verlegenheitsfloskeln", weil man sonst nichts zu sagen hat. Als Vegetarier lasse ich das grundsätzlichbauch nur als "Erklärung/Info" fallen, wenn jemand mich einlädt oder mir etwas anbietet. Mehr ist es von meiner Seite aus nicht, obwohl es bei einigen Empfängern wohl anders ankommt.
Ich persönlich sehe da für mich noch einen Unterschied zwischen den freiwilligen Veggies/freiwillig Abstinenten und Menschen, die aufgrund von anderen Umständen oder einer Suchterkrankung trocken bleiben.
Beim ersten ist eine freiwillige Entscheidung - die natürlich zu respektieren ist.
Wenn mir jemand einfach mitteilt, ich bin Veggie/trinke keinen Alkohol, nehme ich es einfach als Information. Wenn ich Gastgeber bin, dann habe ich zumindest Ausweichmöglichkeiten da und frage vielleicht klarstellend nach - ißt der Vegetarier auch XY oder ist sonst noch etwas problematisch. Bei kein Alkohol, werde ich erwähnen, dass z.B. Alkohol als Zutat in der Torte ist. Das wäre die Ebene: Alles klar! Ich kenne die Beweggründe nicht (und sie gehen mich auch nichts an), also sag mir, was für Dich passt.
Wenn mir jemand jedoch etwas so persönliches mitteilt wie die Information, dass man trockener Alkoholiker ist, dann hat das für mich ein anderes Gewicht. Nicht jeder trockene Alkoholiker geht damit offen um. Die Gründe sind vielfältig. Daher tendiere ich in dem Fall eher zu einem: "Danke, dass Du mir das sagst." Damit möchte ich mich für das Vertrauen bedanken, dass man mir in dem Moment entgegenbringt. Und danach kommt es auf die Umstände an.
Für mich ist es selbstverständlich, dass ich dieser Person keinen Alkohol anbieten werde. Es wäre mir gar nicht eingefallen, dass extra auszusprechen. Jetzt, wo Du es als eine bevorzugte Antwort angibst, denke ich darüber nach. Empfindest Du diesen Satz als eine Zusicherung, dass man Dich und die Situation ernst nimmt und versteht? Gibt es Dir eventuell ein Gefühl der Sicherheit?
Ich frage das, weil ich auch einige Geschichten kenne, die trockenen Alkoholikern passiert sind, da möchte ich nur den Kopf auf die Tischplatte knallen. Nicht notwendigerweise meinen...
Jemand_DrachenSchaf@feddit.org · 2 pts · 70d
Danke für deine ausführliche Antwort. Du hast dich echt damit beschäftigt und das freut mich sehr.
Ich finde den Unterschied zwischen freiwilliger Abstinenz und Trockenheit aufgrund einer Suchterkrankung ebenfalls wichtig. Hätte ich kontrolliert trinken können, hätte ich nie aufgehört. Ich bin stolz auf meine zwölf Jahre Abstinenz. Aber ich wäre lieber nie alkoholkrank geworden. Das schließt sich für mich überhaupt nicht aus.
Auf deine Frage, was der Satz „Ich werde dir keinen Alkohol anbieten.“ bei mir auslöst:
Das ist eigentlich alles, was ich mit meinem Outing erreichen möchte. Keine Nachfragen mehr, ob ich schwanger bin. Kein „Ach komm, ein Schlückchen“. Einfach das Gefühl, dass meine Botschaft angekommen ist und künftig berücksichtigt wird.
Veganern und Vegetariern werde ich in Zukunft übrigens auch nicht mehr meinen Fleischkonsum erzählen. Mir ist durch die Diskussion klar geworden, dass sie sich vermutlich genauso wenig für meinen Fleischkonsum interessieren, wie ich mich für jemandes gelegentliches Feierabendbier interessiere.
Einem Diabetiker erzählt man schließlich auch nicht, wie viel Zucker man selbst isst.
You@feddit.org · 2 pts · 69d
Danke für Deine Antwort und die ehrliche Schilderung.
Ich finde es übrigens auch gut, dass Du das Thema angesprochen hast. Sichtbarkeit kann zum Nachdenken anregen und das Problembewusstsein schärfen.
Ich werde Dir keinen Alkohol anbieten.
Jemand_DrachenSchaf@feddit.org · 2 pts · 69d
Bitte gern.
Nichts freut mich mehr als Gedanken anzustoßen.
Einen dritten Teil habe ich gerade gepostet